Am 19. Juni 2026 war Birgit Lutz am WBG zu Gast, inzwischen zum vierten Mal, und hielt für die 7. Klassen ihren Vortrag „Eisbär im Fischernetz. Plastik im Polarmeer – was geht uns das an?“. Birgit Lutz ist Buchautorin, Journalistin, seit Jahren als Reiseleiterin in der Arktis auf Segelschiffen unterwegs, vor allem rund um die Inselgruppe Spitzbergen. Sie hält zahlreiche Vorträge zu Umweltthemen, und berichtet besonders an Schulen über ihre reichen Erfahrungen.
Zunächst nimmt sie uns mit und gibt uns Eindrücke der Landschaft und Tierwelt in der hohen Arktis, in der die Folgen des Klimawandels unübersehbar sind. Die Arktis erwärmt sich durch den Klimawandel deutlich stärker als andere Regionen der Erde, die Durchschnittstemperaturen seit der Industrialisierung sind dort um 6 Grad Celsius gestiegen, ein gigantischer Wert. Der Rückgang des Eises (Länge und Dicke von Gletschern) ist dramatisch.
Vor allem stößt sie bei ihren Reisen überall, auch an den entlegensten Stränden, die weitab der menschlichen Zivilisation liegen, auf große Mengen an Plastikmüll, der durch Meeresströmungen dort stetig angeschwemmt wird. Selbst wenn man Strände, beispielsweise durch Sammelaktionen durch Reisegruppen, aufwändig reinigt, sieht es nach einem Jahr wieder genauso aus. Aufgrund dieser Erfahrung hat Birgit Lutz ein „Citizen-Science“-Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Alfred-Wegener-Institut für Meeresbiologie in Bremerhaven begonnen. Für dieses Forschungsprojekt sammelt, dokumentiert und katalogisiert sie mit den Teilnehmenden von Reisegruppen regelmäßig den Plastikmüll an unbewohnten Strandabschnitten Spitzbergens. Aus diesem Projekt sind inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen hervorgegangen und das Plastikmüll-Problem ist durch diese Ergebnisse schon mehrfach groß in den Medien sichtbar geworden. Somit wird ein wertvoller Beitrag zur wissenschaftlichen Erfassung des Themas und zum Kampf gegen Plastikmüll geleistet.
Plastik - ein hochwertiger, leider oftmals völlig falsch eingesetzter Werkstoff
Welche Probleme mit dem Plastikmüll verknüpft sind, führt uns Birgit Lutz anschließend eindrücklich vor Augen. Einerseits erfahren wir, welche schädlichen Auswirkungen der Plastikmüll auf die Umwelt, insbesondere die Tierwelt, hat. Viele Tiere in der hohen Arktis verheddern oder verfangen sich in Resten von Fischernetzen oder Plastikschnüren und verenden qualvoll. Andere fressen versehentlich angeschwemmte Plastikfolien, die sie mit Nahrung verwechseln, und verhungern, weil ihre Mägen voller Plastikmüll sind.
Das Problem betrifft den gesamten Globus – es ist nachgewiesen, dass die entlegensten Strände in Spitzbergen, die teils noch nie von einem Menschen betreten wurden, mancherorts genauso stark verschmutzt sind wie die Strände der am dichtesten besiedelten Regionen der Erde. Den meisten Deutschen ist außerdem nicht bewusst, dass ein nicht unerheblicher Teil des Plastikmülls im Meer aus Deutschland stammt, da wir davon ausgehen, dass unsere Mülltrennung und das Recycling funktionieren. Doch ein Großteil unseres Mülls wird nicht in Deutschland recycelt, da dies sehr aufwändig ist, sondern in ärmere Länder exportiert. Dadurch landet Vieles an Verpackungsmüll, den wir gewissenhaft sortiert und entsorgt haben, letztendlich unbeabsichtigt doch im Meer.
Doch was passiert mit dem Plastikmüll im Meer? Einiges wird an den Küsten angeschwemmt, doch große Teile des Plastikmülls sammeln sich inzwischen in riesigen Strudeln auf den Weltmeeren (z. B. der „Great Pacific Garbage Patch“). Dabei ist es ein weit verbreiteter Irrglaube, dass das Plastik auf der Meeresoberfläche schwimmt und relativ einfach abgefischt werden kann. Denn über die Hälfte der Kunststoffe sind schwerer als Wasser und sinken in die Tiefe, insbesondere da das Plastik durch die stetig Wasserbewegung immer stärker zerrieben wird. Somit ist die gesamte Wassersäule dieser Strudel bis zum Meeresgrund durchsetzt mit Plastik. Selbst in den tiefsten Tiefseegräben der Ozeane (Marianengraben) findet man inzwischen Plastik. Mit unseren aktuellen technischen Mitteln ist es nicht möglich, dieses Plastik jemals wieder restlos zu entfernen. Nicht zuletzt ist Plastik auch klimaschädlich, da während des gesamten Lebenszyklus (Herstellung, Transport, Zerfall in Mikroplastik) CO2 freigesetzt wird.
Die Geschichte und Größe des Plastikmüll-Problems
Über 50 Prozent des gesamten Plastiks ist erst seit 2000 hergestellt worden – Tendenz steigend. Insbesondere die Menge an Plastik, welches als Einwegverpackungen eingesetzt wird, steigt nach wie vor stark an. Der hochwertige, leichte, langlebige und bruchfeste Werkstoff wird somit viel zu oft als Einmalprodukt eingesetzt – und bildet wachsende Müllberge auf unserem Planeten, denn Kunststoffe brauchen Hunderte von Jahren, um sich zu zersetzen. Ein Styroporbecher beispielsweise braucht 50 Jahre, um im Meer zersetzt zu werden, eine PET-Flasche rund 450 Jahre. Die Plastikflasche, mit der wir einmalig unseren Durst stillen, existiert also noch Jahrhunderte lang weiter, wenn wir schon längst nicht mehr auf der Welt sind.
Birgit Lutz greift als Beispiel ein Thema heraus, das man sich nur schwer vorstellen kann, nämlich den Reifenabrieb. Pro Jahr fallen allein in Deutschland kaum zu glaubende 120.000 Tonnen an Reifen- und Bremsenabrieb an, welcher als Mikroplastik in der Umwelt landet, beispielsweise auf den angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen. Die Menge an entstehendem Reifenabrieb hängt direkt mit dem Gewicht des Fahrzeugs, mit der Geschwindigkeit sowie der Zahl der Brems- und Beschleunigungsvorgänge zusammen. Ein Tempolimit auf den Autobahnen würde die Menge an Reifenabrieb deutlich reduzieren.
Plastik – schädlich für uns: Der Kreislauf schließt sich
Besonderes am Herzen liegt Birgit Lutz, uns die schädlichen Auswirkungen von Mikroplastik auf den menschlichen Organismus aufzuzeigen. Insbesondere Weichmacher in Kunststoffen (z. B. Bisphenol A) stören nachweislich den Hormonhaushalt und stehen im Zusammenhang mit Unfruchtbarkeit, Schilddrüsenerkrankungen, ADHS, Gewichtszunahme, Stimmungsstörungen, einem erhöhten Krebsrisiko, Alzheimer und weiteren Erkrankungen, Besonders gravierend ist der Einfluss dieser schädlichen Stoffe, wenn sich der Körper noch in der Entwicklung befindet, also in der Kindheit und Jugend.
Zu einem Großteil sind hierfür Einwegplastik (insbesondere Einweg-Getränkeflaschen) und Kosmetikprodukte, die sehr häufig Mikroplastik enthalten (z. B. Peelingprodukte, Zahncreme, Hautcreme, Duschgels, Shampoos, Make-Up-Produkte), verantwortlich, aber auch die in letzter Zeit stark gestiegene Menge an Billigkleidung, welche in großer Menge über asiatische Shopping-Plattformen angeboten wird. Nicht zuletzt nehmen wir über die Ernährung Mikroplastik zu uns. Das Problem betrifft uns alle – Mikroplastik ist inzwischen überall im Körper, beispielsweise in den Eierstöcken, Hoden und im Gehirn – und selbst in der Plazenta und Muttermilch nachweisbar. Der Kreislauf hat sich also geschlossen und letztendlich landet unser Plastik auf unserem Teller und in unserem Körper.
Was kann jede*r einzelne tun?
Im Lauf des Vortrags gibt uns Birgit Lutz zahlreiche Tipps mit auf den Weg, was jede und jeder einzelne von uns tun im Alltag kann:
- So gut wie möglich auf Plastik verzichten
- Mit der App „CodeCheck“ Inhaltsstoffe von Produkten überprüfen und schädliche Artikel durch unbedenkliche Alternativen ersetzen
- Mehrweg- statt Einwegverpackungen verwenden
- Auf plastikfreie Kosmetikartikel umsteigen (z. B. Duschseife statt kunstoffhaltiges Duschgel verwenden, zertifizierte Naturkosmetik verwenden), Plastikverpackungen vermeiden
- Kleidung: Auf Fast Fashion verzichten, hochwertige und ökologisch unbedenkliche Kleidung kaufen, auf Billigprodukte mit viel Chemie bei der Produktion verzichten
- Unverpackt einkaufen
- Konzerne anschreiben und auf besonders unsinnige Verpackungen bzw. Produkte hinweisen
- bei der Berufswahl Wege einschlagen, um Einfluss nehmen zu können (z. B. Umwelttechnik studieren, Jura studieren, Politikwissenschaften studieren, in die Politik gehen)
Christiane Schönberger, Fachschaft Geographie
